Folgt ein Wirtschaftskrieg zwischen den USA und Europa?

Die expansive Geldpolitik unterstützte die globalen Finanzmärkte lange Zeit beträchtlich. Nun scheinen die Effekte allmählich zu verblassen. Zwei Mal erhöhte die amerikanische Notenbank den Leitzins im vergangenen Jahr. Angesichts guter Wirtschaftsdaten und einer steigenden Inflation, werden drei weitere Zinsanhebungen erwartet. Das alles sind Argumente für fallende Anleihenkurse – und damit steigende Renditen. Darüber hinaus könnten erwartete US-Steuersenkungen auf Firmenebene das Wirtschaftswachstum weiter stärken. Kapitalabflüsse bei Anleihemärkten und entsprechende Zuflüsse bei Aktienmärkten sind die Folge. Die weltweite Korrelation zwischen den Assetklassen fiel in den vergangenen Monaten von 50 auf 20 Prozent und damit das erste Mal seit 2006 auf Vorkrisenniveau. Es stellt sich die Frage, wie lange diese Divergenz weiter anhält? Stark steigende Renditen bei Anleihen erhöhen auch die Refinanzierungskosten. Das wiederum kann Neuinvestitionen vermindern und damit langfristig das Wirtschaftswachstum schwächen. Der Aktienmarkt ist dabei ein klassischer Frühindikator, der sensitiv auf ändernde Wirtschaftsdaten reagiert.

Der Euro/Dollar-Kurs befindet sich auf dem niedrigsten Level seit mehreren Jahren. Die US-Regierung ist nicht sehr glücklich über den starken Dollar. Dieser wird das bereits sehr hohe Leistungsbilanzdefizit weiter erhöhen. Die USA beschuldigen Europa und vor allem Deutschland, durch den abwertenden Euro einen Wettbewerbsvorteil zu haben. Deutsche Produkte sind bei einem schwachen Euro für das Ausland günstiger zu erwerben, was die Exporte steigen lässt. Die deutsche Wirtschaft gab bei den Exporten das dritte Rekordjahr in Folge bekannt.

Durch die divergierende Politik der Zentralbanken entstehen Spannungen zwischen den USA und Europa, was eines der Wirtschaftsthemen im Jahr 2017 werden könnte. Diese Reibungen werden auch an anderer Stelle verschärft. Präsident Donald Trumps Wirtschaftsberater wollen die Bankenregulierung schwächen, um für die Kreditvergabe für US-Banken zu erleichtern. Durch den Zusammenbruch im US-Immobilienmarkt, welcher eine globale Finanzkrise auslöste, folgten strengere Regeln für Kreditgeber. Es wäre schon eine Art Ironie, wenn ausgerechnet bei US-Banken wie Goldman Sachs und J.P. Morgan die Fesseln als erstes wieder gelöst werden sollten. Dies würde einen erheblichen Wettbewerbsvorteil gegenüber dem europäischen Banksektor bedeuten, welcher seit Jahren durch härtere Regeln und aufgrund des niedrigen Leitzinses mit fallenden Renditen zu kämpfen hat. Wir werden sehen, in wie weit sich europäische Banken wie die Deutsche Bank oder die Société Générale im internationalen Wettbewerb im kommenden Jahr behaupten können.

Fotos: pixabay, DEGIRO

 


Manuel Suckart studierte Finanzmärkte in Deutschland und in Belgien. Seit zwei Jahren arbeitet er für den niederländischen Onlinebroker DEGIRO im Bereich Business-Development in Amsterdam. Dabei ist er für den Ausbau der Marktstellung in der DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz) mitverantwortlich. Zusätzlich ist er Kolumnist bei diversen Finanzportalen und schreibt über allgemeine Kapitalmarktthemen sowie marktrelevante Ereignisse.



Über Gereon Kruse

Gereon Kruse
Gereon Kruse gründete im Mai 2013 die auf Datenjournalismus fokussierte Seite boersengefluester.de. Zuvor war er 19 Jahre bei dem Anlegermagazin BÖRSE ONLINE tätig – von 2000 bis Anfang 2013 in der Funktion des stellvertretenden Chefredakteurs. Sein Spezialgebiet sind deutsche Aktien – insbesondere Nebenwerte. 2016 gewann Gereon Kruse mit boersengefluester.de beim viel beachteten finanzblog award der comdirect bank den Publikumspreis und belegte gleichzeitig noch den 3. Platz in der Jurywertung.